Stehend bedankte sich in der Stadtkirche Burgdorf das Publikum für das gelungene musikalisches Wagnis, das die Brass Band Emmental und das Kammerorchester Incanto eingingen. Gestern Abend wiederholten sie das Konzert in Madiswil.

Text und Foto: Hans Blaser (Mittellandzeitung, 12. April 2010)

Burgdorf/Madiswil Streichorchester Incanto und Brass Band Emmental treten gemeinsam auf

 

Drei Jahre reifte die verwegene Idee zu einem eher aussergewöhnIichen Projekt. An einen gemeinsamen Auftritt einer Brass Band mit einem Streichorchester zu denken, ist schon fast eine Frechheit. Aber es gab zuverlässige Nahtstellen. Beide Dirigenten, Heinz Heiniger von der Brass Band Emmental und Christoph Weibel vom Kammerorchester Incanto, begegnen sich als Lehrer der Musikschule Langenthal immer wieder zu musikalischen Fachgesprächen. Über die Familie Heiniger gibt es eine weitere Verbindung: Drei Brüder spielen im Kammerorchester oder in der Brass Band.

 

Das Kammerorchester Incanto ist noch sehr jung, es entstand erst 2009. Junge Musikerinnen und Musiker aus dem Raum Langenthal/Olten fanden sich zusammen, um auf hohem Niveau originelle Konzertprogramme aufzuführen. Etwas älter, aber auch noch jung, ist die Brass Band Emmental. Sie wurde 1993 von angefressenen Blechbläsern aus dem Emmental als Nobody's Brass gegründet. So erhielt die Namensänderung durchaus Sinn. Sie stellt sich erfolgreich musikalischen Wettbewerben.

Eine zündende Idee

Besonders gerne tritt die Band auch immer wieder mit Solisten oder Formationen der verschiedensten Stilrichtungen auf. So wurde das Projekt mit dem Kammerorchester für sie lediglich eine, wenn auch extreme, Fortsetzung. Entzündet hat sich die Idee eigentlich an einem bestimmten Musikstück, das sich im Hinterkopf von Heinz Heiniger eingenistet hatte, nämlich «Bilder einer Ausstellung» von Modest Mussorgsky. Weil das aber nicht ein abendfüllendes Werk ist, wurde nach einer passenden Ergänzung gesucht.

Dabei hatte man ein glückliches Händchen und bewies mit der Wahl von Dimitri Shostakovitchs Komposition musikalischen Sachverstand. Ergänzt wurde das Programm passend mit zwei doppelchörigen Werken aus dem frühen Barock. Damit eröffnete die gemischte Formation mit Christoph Weibel am Dirigentenpult das Konzert. Besonders beim «Canzon X» von Giovanni Gabrieli trat dabei die Doppelchörigkeit deutlich hervor. Sie wurde durch das Wechselspiel zwischen Streichern und Bläsern betont. Als erstes Hauptwerk wurde die «Suite für Variete-Orchester» von Dimitri Shostakovitch aufgeführt, die fälschlicherweise lange als die in Wirklichkeit verschollene «Jazz Suite Nr. 2» bezeichnet wurde. Die eigentlich falsche Bezeichnung wird verwendet, weil der zweite Walzer daraus durch die Verwendung in einem Kubrick-Film unter dieser Bezeichnung überaus populär geworden ist. Mit sechs Tänzen von Michael Praetorius schaffte das Orchester bewusst eine Trennung zwischen den beiden Hauptwerken.

Rundgang durch eine Ausstellung

Die Klaviersuite, mit der Mussergsky in einem enormen Schaffensrausch 1874 seinem verstorbenen Freund Viktor Hartmann ein musikalisches Denkmal setzen wollte, gilt als frühes Beispiel für Programmmusik. Sie schildert einen Rundgang durch die Ausstellung seiner Bilder. Wie viel musikalisches Potenzial darin steckt, verraten schon die mindestens 30 bekannten Bearbeitungen davon. Die bekannteste stammt aus dem Jahr 1922 von Maurice Ravel. Sie diente den Streichern und den Perkussionisten als Grundlage: Die Bläser der Brass Band verwenden, soweit möglich, diejenige Bearbeitung, die Elgar Howarth 1978 für Blasorchester schaffte. Die Anpassungen an die Besetzung der Brass Band besorgte diese selber.

Gelungene Interpretation

Unter der Direktion von Heinz Heiniger verschmolzen beide Formationen in einer nie erwarteten Weise und schafften eine äusserst gelungene Interpretation. Während man bei Shostakovitch vielleicht gelegentlich die Holzbläser vermisste, so war das bei Mussorgsky nicht der Fall. Auch die Bedenken über eine vielleicht etwas hallige Akustik der Stadtkirche waren rasch zerstreut.

Die beiden Vereine boten mit ihrem gewagten Projekt' ein eindrückliches Musikerlebnis. Eine Zugabe hatten sie nicht vorbereitet. Überrascht vom überwältigenden Applaus wiederholte man nach kurzer Beratung einen der doppelchörigen Canzon als Zugabe.